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Charles-Bonnet-Syndrom

Viele sehbehinderte Menschen sehen Bilder, die nicht der Wirklichkeit entsprechen – und zweifeln an ihrem Verstand. Häufig traut man sich nicht, diese Halluzinationen anzusprechen. Da beruhigt es, zu erfahren, dass diese Trugbilder nicht zwangsläufig krankhaft sind und dass es Mittel und Wege gibt, mit ihnen umzugehen.

 

Von Claus Bernhard, erschienen 2016 in der Gegenwart, Magazin des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verbands

 

„Ich sehe was, was du nicht siehst!“

 

Alles fing damit an, dass ich vor ca. zehn Jahren spätabends einen Anruf meines Vaters erhielt. Mein Vater, geistig und körperlich fit, aber eingeschränkt in Folge einer weit fortgeschrittenen trockenen AMD, hatte ein Anliegen, über das er nicht mit jedem reden wollte: Er halluzinierte! Angefangen hatte es bereits in der vorangegangenen Woche. Bei einem Spaziergang mit meiner Mutter wunderte er sich über die langen Reihen von Baumstämmen, die ordentlich gestapelt am Wegesrand lagen. Die Tage zuvor hatte er Motorsägen und Arbeitsgeräusche gehört, aber die Menge an Holz erstaunte ihn. Er sprach meine Mutter darauf an, doch diese verstand nicht, worum es ihm ging: Nur am Anfang des Weges waren einige wenige Holzstapel, danach nichts mehr! Als mein Vater darauf bestand, dass dort Holz lag, führte meine Mutter ihn zum Stapel hin – und da verschwand das Holz.

 

Der zweite Schock folgte ein paar Tage später: Beim Blick aus dem Fenster stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite plötzlich ein großes Haus. Nicht nur das Haus war ungewöhnlich – der Nachbar hatte eigentlich einen Bungalow – mein Vater konnte auch die kleinsten Verzierungen an der Fassade, die Farbe der Blumen und die Vorhänge an den Fenstern erkennen. Diese Sehschärfe besaß er bereits seit Jahren nicht mehr. Eingeschränkt durch die Degeneration der Makula hatte er sich an das unscharfe Sehen mit dem Rand der Netzhaut gewöhnt, täglich zwar schwankend, aber immer unscharf. Denn im Bereich des schärfsten Sehens hatte sich ein Skotom, ein blinder Fleck, entwickelt. Und nun dieses sehr scharfe Bild – von dem er wusste, dass es falsch war!

 

Daher nun der Anruf bei mir. Als Rehabilitationslehrer für Blinde und Sehbehinderte, kurz Mobilitätslehrer, müsste ich doch Rat wissen, so die Hoffnung meines Vaters. Bei meiner Arbeit war dieses Phänomen aber noch nicht aufgetreten, in meiner Ausbildung, wenn überhaupt, nur am Rande thematisiert worden. Ich versprach ihm, auf die Suche nach Informationen zu gehen. Aber auch die von mir angesprochenen Fachleute konnten keine Antwort geben, weder Augenärzte noch Optiker. Illusionäre Verkennungen, also das Verwechseln eines Schattens mit einer Kante, statt Blumenmuster sieht man Fratzen auf einer Tapete, das Muster auf der Tischdecke wird zu einer Tasse – solche Probleme kannten viele, aber das scharfe Sehen von Gegenständen, das muss ein anderes Problem sein ...

 

Mit ähnlichen Formulierungen war auch mein Vater von Arzt und Augenarzt nach Hause geschickt worden – vornehme Umschreibungen von Erkrankungen der Psyche. Vor allem Schizophrenie, aber auch Demenz oder der übermäßige Konsum von Alkohol werden mit Halluzinationen dieser Art in Verbindung gebracht, mit Bildern von Gegenständen, die andere nicht sehen.

 

Schwierige Recherche

 

Auf der Suche nach Urlaubslektüre fand ich eine Woche später auf dem Wühltisch einer großen Buchladenkette das Buch „Die blinde Frau, die sehen kann“ von Vilaynur S. Ramachandran. Darin fand ich endlich eine Erklärung für diese Pseudo-Halluzination. Ramachandran, ein amerikanischer Neurologe, beschäftigt sich intensiv mit Phantomschmerzen und Phantomwahrnehmungen. Im Stile Oliver Sacks („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) beschreibt er bildhafte Wahrnehmungen bei psychisch gesunden Menschen, die Ausfälle auf der Netzhaut (Skotome) oder Probleme bei der Verarbeitung von Signalen haben. Und endlich hatte dieses Phänomen einen Namen: Charles-Bonnet-Syndrom.

 

Bereits im Jahre 1760 hatte der Schweizer Naturforscher Bonnet dieses Phänomen bei seinem Großvater beobachtet und beschrieben. Als er in seinem späteren Leben selbst erblindete, sah er ebenfalls Gegenstände und Szenen, die nicht der Wirklichkeit entsprachen. Mehr als 200 Jahre lang wurde dieses Phänomen als sehr selten angesehen und nur wenige Fälle in der Literatur beschrieben. Einer der ersten, der sich wissenschaftlich mit diesem Problem beschäftigte, war Oliver Nadig. Selbst von einer Sehbehinderung betroffen, befragte der Psychologe im Rahmen seiner Diplomarbeit 45 Schülerinnen und Schüler der Carl-Strehl-Schule in Marburg. 20 Prozent konnten aus eigener Erfahrung über Phantomwahrnehmungen berichten.

 

Aufgeweckt durch diese Informationen, begann ich, meine „Schüler“ während des Langstocktrainings genauer zu beobachten und zu befragen. Einige gaben zu, dass sie ab und zu Dinge sehen, die höchstwahrscheinlich gar nicht da sind – so eine gern benutzte Formulierung. Die meisten Betroffenen berichten von Lichtsignalen, hellem Nebel oder sich bewegenden geometrischen Figuren. Seltener werden Figuren, Darstellungen oder Szenen beschrieben. Nicht immer sind die Gegenstände Teile der eigenen Geschichte oder Erinnerung. Es kommt aber vor, dass man plötzlich den Nachbarshund aus Kindertagen „sieht“. Täglich wechselnde Tapeten mit Blumenmustern auf der eigentlich weißen Raufasertapete, plötzlich den Weg blockierende Rhododendronbüsche oder wundersam dekorierte Schaufenster werden beschrieben, manches Mal auch lustige Dinge wie die Köpfe von Comicfiguren auf den Körpern der entgegenkommenden Fußgänger. Häufig können diese Bilder sehr detailgenau beschrieben werden. Man kann sie schärfer sehen, als es die Sehbehinderung zulässt. In einigen Fällen ist das Bild sogar an die Lidbewegung gekoppelt: Bei geschlossenen Augen verschwindet es, um erst beim Öffnen wieder zu erscheinen – so wie ein Sehender ein Bild wahrnehmen würde.

 

Bei unseren Beratungen im Rahmen von „Blickpunkt Auge“, aber auch bei den regelmäßig stattfindenden Beratungsterminen für Bewohner und Besucher des Hauses am Tremser Teich, der Senioreneinrichtung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein in Lübeck, berichten Betroffene in großer Regelmäßigkeit von solchen Bildern, die manches Mal lustig sind wie Charles de Gaulle, der einem plötzlich beim Frühstück gegenübersitzt, oder verstörend wie zwanzig Paar Schuhe vor der Eingangstür.

 

Zwei Erklärungen – ein Ergebnis: Die Trugbilder sind nicht krankhaft

 

Doch woher kommen diese Bilder? Zunächst muss man unterscheiden zwischen pathologischen und nicht-pathologischen Halluzinationen. Dies geschieht in der Regel durch die eigene Einschätzung. Gewiss ist man in manchen Situationen verunsichert und glaubt, diese Dinge wirklich zu sehen, aber dann wird einem klar, dass aufgrund der Seheinschränkung eine solche scharfe Abbildung gar nicht möglich ist oder dass – um beim Beispiel zu bleiben – der Nachbarshund aus Kindertagen schon lange nicht mehr lebt und ergo auch nicht gesehen werden kann. Hat man diese Halluzination als Pseudo-Halluzination oder ophthalmologische Halluzination entlarvt, bleibt trotzdem die Frage nach dem Wie und dem Warum.

 

In der Literatur werden zwei Erklärungen für das Charles-Bonnet Syndrom geliefert. Neurologen wie Ramachandran gehen davon aus, dass Pseudo-Halluzinationen auf Umkartierungen im Hirn zurückzuführen sind. Unser Gehirn ist in unterschiedliche Arbeitsbereiche aufgeteilt. Jedem Körperteil, aber auch jedem Sinn und jeder Aktivität ist ein bestimmter Bereich im Gehirn zugeordnet, in dem die entsprechenden Wahrnehmungen und Reize verarbeitet werden. Nach dem Verlust oder der Amputation einer Gliedmaße werden die zugehörigen Nervenzellen im Gehirn nicht mehr mit Informationen versorgt. So können die benachbarten Hirnareale durch ihre Aktivität Reaktionen in den unterversorgten Hirnbereichen auslösen. Diese Reaktionen werden von übergeordneten Regionen zum Beispiel als zur Hand oder zum Bein gehörig interpretiert. Das Auge ist unser wichtigstes Sinnesorgan, dementsprechend sind viele Areale im Gehirn an der Verarbeitung von optischen Nervenimpulsen beteiligt. Kommt es nun aufgrund einer Seheinschränkung, vor allem bei Skotomen, zu einer Reduzierung oder sogar dem Ausfall des Informationsflusses, sind viele Verarbeitungszellen im Gehirn „arbeitslos“ und können durch Nachbarzellen angeregt werden. Da keine Bilder aufgenommen werden können, erzeugt das Gehirn eigene Bilder mit unterschiedlichsten Motiven.

 

Eine zweite Erklärung stützt sich ganz direkt auf die Ausfälle durch eine Sehbehinderung. Bereits in den 1950er Jahre gab es erste wissenschaftliche Versuche zur sensorischen Deprivation. Bei diesen Versuchen entzog man jungen, gesunden Menschen für eine gewisse Zeit sämtliche Sinneseindrücke. Bereits nach wenigen Stunden in einem schalldichten, dunklen Raum berichteten viele Teilnehmer über Stimmen, Musik und Bilder. Diese Bilder ähneln sehr stark denen, die Charles-Bonnet-Betroffene beschreiben: Lichter, geometrische Figuren, Muster an den Wänden, aber auch bewegte Bilder wie Tiere oder Menschen, zum Teil sehr phantasievoll ergänzt. Bis in die jüngste Zeit werden immer wieder Versuchsreihen zur sensorischen Deprivation durchgeführt. Allerdings werden die Probanden nur noch selten sämtlicher Sinneseindrücke beraubt, häufiger werden nur die Augen abgedeckt. Das Ergebnis bleibt aber das gleiche.

 

Neurologen gehen mittlerweile davon aus, dass Nervenzellen, die nicht erregt werden, sich in regelmäßigen Abständen selbst entladen. Diese Informationen werden von unserem Gehirn aber nicht aktiv verarbeitet, vielmehr gehen sie unter – ein wichtiger Prozess, der uns befähigt, uns auf die relevanten Informationen zu konzentrieren. Ist unser Gehirn jedoch „unterversorgt“ mit Informationen, so bahnen sich diese Spontanentladungen ihren Weg ins Bewusstsein. Das heißt: Die irritierenden Bilder sind immer da, normalerweise bemerken wir sie nur nicht, da unser Gehirn mit anderen Dingen beschäftigt ist. In Isolationsexperimenten oder bei Untersuchungen von sehbehinderten Menschen berichten bis zu 70 Prozent der Teilnehmer bzw. Betroffenen von Bildern, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.

 

Beiden Erklärungen gemein ist die Normalität dieser Bilder. Weder Phantombilder entsprechend der Phantomschmerzen bei amputierten Gliedmaßen noch optische Halluzinationen aufgrund einer sensorischen Isolation, in unseren Fällen ausgelöst durch Sehbehinderung und Gesichtsfeldausfälle, sind pathologisch!

 

Mit den Bildern umgehen lernen

 

Als ich meinem Vater diese Informationen über das Charles-Bonnet-Syndrom mitteilen konnte, war für ihn der wichtigste Teil der Behandlung abgeschlossen: Er wusste, woran er ist. Nachdem ihn zuvor der Gedanke gequält hatte, eine psychische Störung zu entwickeln, wusste er nun, dass diese Bilder nicht krankhaft sind, sondern sogar recht häufig vorkommen, insbesondere bei Menschen, die wie er von Gesichtsfeldausfällen in Folge einer Makula-Degeneration betroffen sind. Diese treten auch bei anderen Augenerkrankungen wie Retinopathien oder Optikusatrophien sowie bei Schlaganfällen auf. Auch Menschen mit einem Grauen Star berichten von Phantombildern.

 

Den behandelnden Ärzten stehen nur wenige Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Bei einer weit fortgeschrittenen Katarakt (Grauer Star) kann das Sehvermögen durch eine Operation verbessert werden; hierdurch verschwinden die Trugbilder hinter den richtigen und wichtigen Informationen. Zum Teil lassen die Bilder auch nach, wenn die Versorgung der Betroffenen mit optischen Hilfsmitteln überprüft wird: Brillen, Lichtschutz, aber auch Beleuchtung sollten optimal sein. 

 

Auch wenn für das Charles-Bonnet-Syndrom keine krankhaften Veränderungen verantwortlich sind, gibt es doch Situationen, in denen die Bilder so belastend wirken, dass der Einsatz von Medikamenten notwendig erscheint. In verschiedenen Kleinstudien wurde die Wirksamkeit von Neuroleptika getestet. Einen anderen Weg gehen Medikamente, die, von der Universität Dresden getestet, durch die Blockade der Wiederaufnahme eines Botenstoffes im Gehirn für eine Reduzierung der Bilder sorgen. Vor der Gabe von Arzneimitteln ist mit dem behandelnden Arzt in jedem Fall das Risiko von Nebenwirkungen sorgfältig abzuklären.

 

Bei Menschen mit Phantomschmerzen an fehlenden Körperteilen hat man mit Hilfe der Visualisierung große Fortschritte erzielt. So kann dem Gehirn mit einem einfachen Spiegel das Vorhandensein der fehlenden Gliedmaße vorgetäuscht und die Umkartierung gestoppt werden. Um den Bildern beim Charles-Bonnet-Syndrom entgegenzuwirken, müssen sehbehinderte Menschen genau das Gegenteil tun: Sie müssen sich das Nicht-Vorhandensein der Gegenstände, die sie angeblich sehen, bewusst machen, am besten über die Tastprobe. So wie mein Vater beim Versuch, die Baumstämme anzufassen, erkannte, dass sie gar nicht da sind.

 

Bei Isolationsversuchen kann man visuelle Halluzinationen durch eine Beendigung der Deprivation stoppen. Wenn das Gehirn wieder aktiv wird, gehen die für die Phantombilder verantwortlichen Spontanentladungen bei der Verarbeitung der relevanten Informationen unter. Menschen mit Seheinschränkung kann es helfen, eine Tätigkeit aufzunehmen oder zu wechseln. Häufig reicht es schon, sich selbst eine Rechenaufgabe zu stellen, sich an das Mittagessen vor vier Tagen zu erinnern oder ein Hörbuch zu hören.

 

Mein Vater hatte in der Zwischenzeit seine eigene Lösung für das Problem gefunden: Er hatte festgestellt, dass sich die Bilder auflösen, wenn er etwas an der jeweiligen Situation veränderte. Entweder wechselte er seinen Sitzplatz, schaltete das Licht an oder aus, stellte das Hörbuch ab oder holte sich einfach etwas zu trinken aus der Küche. Außerdem hatte er – wie viele andere Betroffene auch – beobachtet, dass die Bilder im Laufe der Zeit seltener wurden.

 

Letztlich muss jeder und jede Betroffene seinen eigenen Umgang mit den Trugbildern finden. Auch die Akzeptanz der Bilder, vielleicht sogar der Genuss ist ein Weg. So berichtete eine Betroffene bei unseren Beratungen im Haus am Tremser Teich, dass sie es durchaus genießen kann, die Burgen des Rheintals zu sehen – auf der Fahrt von Lübeck nach Bremen …

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